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Industrie 4.0 – was Innovation mit unserer Arbeit macht

Prof. Gunter Dueck ist einer der inspirierendsten Menschen, denen man begegnen kann. Als Keynote Speaker auf dem tts Forum 2016 in Heidelberg zeigte der begnadete Redner und Internet-Vordenker gewohnt schonungslos, ironisch und ernüchternd auf, welche Auswirkungen der Hype Industrie 4.0 auf die Arbeitswelt haben wird.

Wer weiß eigentlich genau, was 4.0 ist? Keiner, sagt Gunter Dueck und er muss es wissen. Als Mathematiker, Philosoph und langjähriger Cheftechnologe bei IBM weiß er, wie Konzerne ticken und Technik sich entwickelt. Kommunikation 2.0 mit Facebook und Twitter ist noch voll im Gange, 3.0 einfach ausgefallen und 4.0 ist früher auch nicht mehr als ein Schlagwort gewesen, aber mit der Cloud schon Wirklichkeit geworden, so Duecks Befund.

Gegen alle Skepsis hinsichtlich ihrer Sicherheit hat sie sich durchgesetzt und führt zu einem radikalen digitalen Wandel der Arbeitswelt. Erste Anzeichen gab es schon frühzeitig. „Im Jahr 2008 konnte man den ganzen Weltmarkt für Cloud, mit Ausnahme von Amazon, für 100 Millionen Dollar kaufen“, so Dueck, „aber die Firmen warten lange auf teure Studien und kaufen dann fünf Jahre später einen ganz kleinen Teil für Milliarden.“

Neue Ideen kommen – und manche sogar relativ schnell

„Lachende Unternehmen gehen unter“, so seine Prognose und er meint damit die höhnisch lachenden. Die Banken höhnten einst über die Internetbanken, Kodak über die Digitalkameras, Brockhaus über Wikipedia. Und wo stehen sie heute? Bei technischen Neuerungen gibt es eine lange „Lachphase“ angesichts technischer Unzulänglichkeiten, doch plötzlich sind sie da. Die anfängliche Vorstellung eines Bildtelefons war aufgrund diverser Konflikte nicht praktikabel, aber heute ist daraus ein iPad mit Skype geworden. Über Elektroautos wird heute gelästert, doch morgen werden sie kommen: „Die Ideen, die Spinner jetzt haben, kommen alle in zehn Jahren. Es dauert ein bisschen und man kann sich darüber lustig machen“, erzählt Dueck auf unterhaltsame Weise, „aber es kommt irgendwann. Und manches sogar relativ schnell.“

Auch die Cloud ist jetzt relativ normal geworden und das hat nur sechs bis sieben Jahre gedauert. Gartners klassischer Hype Curve, wonach neue Technologien in der öffentlichen Aufmerksamkeit erst überschätzt, dann enttäuscht fallengelassen und erst danach realistisch eingeschätzt und umgesetzt werden, setzt Dueck die eigenentwickelte Hybris Curve des Hochmuts entgegen. Der Erfolg mache traditionelle Unternehmen hochmütig, so dass sie am „Alten“ festhielten und nicht mehr offen für neue Ideen seien – und damit über kurz oder lang den Anschluss verlören. Doch nur mit den Ideen kreativer Menschen können Technologien neu designt werden und als neue Produkte die Märkte erobern, so Duecks Plädoyer gegen herkömmliches Ideenmanagement und für „wildes“ Denken.

Radikale Industrialisierung

Industrie 4.0 bedeutet einen radikalen Umbau der Arbeitswelt, prophezeit der Vordenker weiter. Routineaufgaben werden Roboter und Computer erledigen und ein potenzielles „robotbook“ könnte den Maschinen sogar ermöglichen, miteinander zu kommunizieren und Daten auszutauschen – so wie die Menschen bei Facebook.

Die Herausforderung für Cloud Computing und Big Data sei jetzt nur noch, die Daten interoperabel werden zu lassen. Daten eingeben, Geräte bedienen, Teile austauschen, all das wird in die Cloud gehen, denn reines Fachwissen ist im Internet der Dinge nicht mehr nötig. Nur noch das Neue, Schwierige, Individuelle oder Kreative verbleibt in der Domäne des Menschen. Ihre Aufgabe ist es, die sich stetig wandelnden Prozesse zu steuern und Probleme zu lösen.

Dabei braucht es neben Begeisterungsfähigkeit und Kommunikationskompetenz vor allem Multiperspektivität. Der einfache Bankangestellte wird zum Beispiel durch Internetbanking ersetzt werden, gefragt ist in der Zukunft nur noch der Beratungsprofi.

Die Ideen, die Spinner jetzt haben, kommen alle in zehn Jahren. Es dauert ein bisschen und man kann sich darüber lustig machen, aber es kommt irgendwann.

 

Prof. Gunter Dueck

Ein guter Mix von Hunden und Katzen im quartären Sektor

In der Informationswirtschaft der nahen Zukunft geht der Trend zur „T-shaped personnality“. Die tiefen Fachkenntnisse beispielsweise eines Mathematikers müssen mit den breiten Kenntnissen etwa eines BWLers verknüpft werden, um Unternehmen weiter voranzubringen.

Der ehemalige Mathematikprofessor entwirft dabei das Bild von Hunden und Katzen, die ähnlich schlecht miteinander kommunizieren könnten wie Ingenieure als kreative „Techies“ und Betriebswirtschaftler als tabellen- und zahlengetriebene Manager: „Der eine hat Ideen, der andere fordert die Zahlen dafür. Und beide haben einen Disconnect.“ Rudelorientiert begeisterten sich die einen für immer mehr Leistung und holten nach dem Motto „give me a job“ wirklich jedes Stöckchen, während die anderen sich als individuelle, hochkreative Einzelgänger und Freigeister unverstanden fühlten. Noch immer werde hierarchisch organisiert, obwohl für ihn ganz klar ist: Wir brauchen einfach mehr Raum für kreative Katzen und sollten sie nicht in Prozessen und Dokumentationspflichten ertrinken lassen.